Definition
Internationaler Standard für funktionale Sicherheit von elektrischen und elektronischen Systemen in Straßenfahrzeugen. Abgeleitet aus der IEC 61508, definiert Automotive Safety Integrity Levels (ASIL A bis D). Pflicht für Zulieferer von Sicherheitskomponenten in der Automotive-Elektronik.
In der Praxis
Die ISO 26262 verändert nicht nur die Entwicklung, sondern das ganze Unternehmen: Sobald ein Steuergerät oder Sensor sicherheitsrelevant ist, greifen Safety Lifecycle, ASIL-Einstufung und Sicherheitsanforderungen durch alle Abteilungen — vom Einkauf der Mikrocontroller bis zum Produktionsendtest. Der häufigste Anfangsfehler ist die unterschätzte Gefahren- und Risikoanalyse: Eine zu niedrige ASIL-Einstufung spart kurzfristig Aufwand und kostet später die Freigabe, weil die Sicherheitsnachweise nicht erbracht werden können. Zweiter Stolperstein ist die Schnittstelle zum QMS: Die Norm setzt ein funktionierendes Qualitätsmanagement voraus — wer IATF 16949 lebt, hat das Fundament, muss aber Safety-spezifische Rollen wie den Safety Manager und die Unabhängigkeit der Confirmation Measures verankern. Drittens die Lieferkette: Über das Development Interface Agreement muss geklärt sein, wer welchen ASIL-Anteil trägt. In der Praxis bewährt sich die frühe Verzahnung mit ASPICE, weil beide Disziplinen dieselben Work Products im Anforderungsmanagement nutzen.
Verwandte Begriffe
Häufige Fragen zu ISO 26262
Was bedeutet ASIL bei der ISO 26262?
ASIL steht für Automotive Safety Integrity Level und klassifiziert das Risiko sicherheitsrelevanter Funktionen in vier Stufen von A bis D, wobei D die höchste Anforderung darstellt. Die Einstufung erfolgt in der Gefahren- und Risikoanalyse über drei Bewertungsgrößen: Schwere des möglichen Schadens, Wahrscheinlichkeit der Exposition gegenüber der Betriebssituation und Beherrschbarkeit durch Fahrer oder Verkehrsteilnehmer. Aus dem ASIL folgt der Strengegrad aller weiteren Aktivitäten — von der Systematik der Entwicklung über die nachzuweisenden Fehlermetriken bis zur Unabhängigkeit der Reviews. Ein Brems- oder Lenksystem landet typischerweise bei ASIL D, eine Komfortfunktion eher bei QM oder ASIL A. Die Einstufung ist projektentscheidend und wird mit dem OEM abgestimmt. Die Methodik der Gefahren- und Risikoanalyse beschreibt Teil 3 der Norm (ISO 26262-3).
Ist die ISO 26262 für Zulieferer verpflichtend?
Gesetzlich ist die Norm nicht vorgeschrieben — faktisch aber ist sie es für jeden, der elektrische oder elektronische Systeme mit Sicherheitsrelevanz ins Fahrzeug liefert. Die OEMs fordern die Konformität vertraglich, und die IATF 16949 ergänzt das Thema über ihre Anforderungen an die Produktsicherheit, die einen dokumentierten Prozess für sicherheitsbezogene Produkte verlangen (Kapitel 4.4.1.2). Ohne nachgewiesene ISO-26262-Umsetzung ist eine Nominierung für sicherheitsrelevante E/E-Komponenten praktisch ausgeschlossen. Hinzu kommt die Haftungsseite: Im Schadensfall dient die Norm als Stand der Technik, von dem Gerichte ausgehen. Für reine mechanische Zulieferer ohne E/E-Anteil spielt sie dagegen keine Rolle.
Wie starte ich ein ISO-26262-Projekt als Zulieferer?
Der erste Schritt ist die Klärung des Scopes mit dem Kunden: Welches Item, welche Sicherheitsziele, welcher ASIL — das wird im Development Interface Agreement verbindlich festgehalten. Parallel braucht das Unternehmen die Rollen: einen Safety Manager, der den Safety Plan verantwortet, und die Unabhängigkeit für Confirmation Measures entsprechend dem ASIL. Dann folgt die Gefahren- und Risikoanalyse als Basis aller abgeleiteten Sicherheitsanforderungen, die über System-, Hardware- und Softwareebene heruntergebrochen werden. Das bestehende QMS nach IATF 16949 ist das Fundament, muss aber um Safety-spezifische Prozesse ergänzt werden — etwa den Safety Case als Abschlussnachweis. Ergänzend verlangen einzelne OEMs wie Volkswagen einen qualifizierten Produktsicherheitsbeauftragten (PSB) — das ist kundenspezifische Anforderung, keine Forderung der ISO 26262 selbst. Für den Einstieg lohnt sich eine Gap-Analyse gegen die geforderten ASIL-Arbeitsprodukte.