Definition
NATO-Standard für Qualitätsmanagementsysteme in der Verteidigungsindustrie, der auf ISO 9001:2015 aufbaut und NATO-spezifische Anforderungen ergänzt. Schwerpunkte: Risikomanagement in der Lieferkette, Fälschungsvermeidung, Produktfreigabe und Ursachenanalyse.
In der Praxis
Der erste BAAINBw-Auftrag mit AQAP-Klausel trifft Mittelständler meist unvorbereitet — und die erste Fehlentscheidung ist die Suche nach einem „AQAP-Zertifikat". Das gibt es nicht: AQAP 2110 ist keine Zertifizierungsnorm, sondern wird vertraglich eingefordert; die Konformität überwacht die behördliche Qualitätssicherung über den GQA-Vertreter, keine Zertifizierungsstelle. Zweites Fehlerbild: die Verwechslung mit der EN 9100 — die ist akkreditiert zertifizierbar, AQAP 2110 baut dagegen auf der ISO 9001 auf und ergänzt NATO-spezifische Anforderungen. Drittes Fehlerbild: der Quality Plan als Formsache. Er ist Vertragsdokument, wird vom Beschaffer bewertet und ist Grundlage der GQA-Begehungen — wer ihn aus der QM-Mappe kopiert, fällt bei der ersten Begehung durch. Viertes Fehlerbild: Fälschungsprävention nur auf Elektronikbauteile verkürzt — die Counterfeit-Definition erfasst jede Falschangabe zu Herkunft, Alter, Konfiguration oder Zertifizierungsstatus, auch bei Rohstoffen und mechanischen Teilen. Und unterschätzen Sie die Melde- und Ursachenanalysepflichten bei Abweichungen nicht: Der GQA-Vertreter erwartet einen definierten Prozess, keine Improvisation.
Verwandte Begriffe
Häufige Fragen zu AQAP-2110
Gibt es eine AQAP-2110-Zertifizierung, und worin unterscheidet sie sich von ISO 9001 und EN 9100?
Nein — und wer ein AQAP-Zertifikat anbietet oder sucht, hat das Prinzip nicht verstanden. AQAP 2110 ist eine vertragliche Anforderungspublikation: Die NATO-Beschaffungsstelle oder das BAAINBw schreibt sie in den Vertrag, und die Einhaltung wird im Rahmen der behördlichen Qualitätssicherung (GQA) überwacht — nicht von einer akkreditierten Zertifizierungsstelle. ISO 9001 und EN 9100 sind dagegen zertifizierbare Managementsystemnormen mit Zertifikat, Überwachungsaudit und dreijährigem Zyklus. Inhaltlich ist AQAP 2110 zweigeteilt: Kapitel 4 übernimmt die Anforderungen der ISO 9001:2015, Kapitel 5 ergänzt NATO-spezifische Forderungen. Wer bereits ISO-9001-zertifiziert ist, hat damit die Basis, aber noch nicht die Erfüllung. Für Luftfahrt- und Wehrtechniklieferanten mit EN 9100 existiert mit AQAP 2310 ein eigenes Pendant, das auf AS/EN 9100 aufsetzt (AQAP 2110, Kapitel 3.1).
Auf welcher Grundlage wird AQAP 2110 eingefordert, und wer überwacht die Einhaltung?
Die übergeordnete Klammer ist das STANAG 4107: Die NATO-Staaten vereinbaren darin die gegenseitige Anerkennung der behördlichen Qualitätssicherung und die Nutzung der AQAPs in Verträgen. Konkret fordert die Beschaffungsstelle — in Deutschland typischerweise das BAAINBw — die Einhaltung der AQAP 2110 als Vertragsbedingung. Die Überwachung obliegt der Government Quality Assurance: Ein GQA-Vertreter der nationalen Behörde begleitet den Vertrag risikobasiert, von der Anforderung über die Begehung bis zum Abschlussbericht. Wichtig für die Einordnung: GQA ist weder Zertifizierung noch Produktabnahme — der GQA-Vertreter schafft Vertrauen, dass Ihre Qualitätssicherung wirksam ist, und ersetzt weder Ihre Prüfungen noch Ihre internen Audits. Seine Unterschrift unter der GQA-Erklärung auf dem Konformitätszertifikat bestätigt allein die durchgeführte behördliche Überwachung. Der Ablauf mit den Pflichtformularen ist in der Verfahrenspublikation AQAP 2070 beschrieben (STANAG 4107).
Wir haben unseren ersten Auftrag mit AQAP-2110-Forderung erhalten — wie gehen wir vor?
Lesen Sie zuerst die Vertragsklauseln genau: Ist nur AQAP 2110 eingefordert oder zusätzlich AQAP 2105 für einen lieferbaren Quality Plan, bei Softwareanteilen auch AQAP 2210 — und sind VG-Normen oder weitere nationale Forderungen referenziert? Machen Sie dann einen Gap-Abgleich gegen Ihr ISO-9001-System: Die NATO-Zusätze verlangen unter anderem Risikomanagement entlang der Lieferkette, dokumentierte Produktfreigabe mit Konformitätszertifikat, einen definierten Prozess zur Ursachenanalyse und wirksame Fälschungsvermeidung im Einkauf. Erstellen Sie den Quality Plan vertragsspezifisch — er beschreibt, wie Sie alle Vertragsanforderungen erfüllen, mit Verweis auf Ihre Verfahren, den vertragsspezifischen Aktivitäten und den Kommunikationsregelungen mit dem GQA-Vertreter; der geforderte Inhalt folgt AQAP 2105. Nehmen Sie den Kontakt zum GQA-Vertreter früh auf und stimmen Sie Erstmusterprüfung und Begehungstermine ab, statt auf die erste Ankündigung zu warten. Und kaskadieren Sie die Anforderungen zu Ihren Unterauftragnehmern — inklusive Konfigurationsmanagement und Rückverfolgbarkeit, denn Ihre Lieferkette ist Teil der Bewertung (AQAP 2105, Kapitel 4).