Definition
Analyse und Bewertung der technischen Machbarkeit zur Erfüllung aller Kundenanforderungen vor Produktionsstart. Berücksichtigt Kosten, Ressourcen, Einrichtungen, Werkzeuge, Kapazitäten, Software und Mitarbeiterkompetenzen. Pflicht in IATF 16949 bei Neuteilen.
In der Praxis
Die Herstellbarkeitsbewertung ist die Klausel, die jeder unterschreibt und kaum einer lebt: Im Angebotsprozess wird das Kästchen „machbar" angekreuzt, weil das Vertriebsziel näher liegt als die Anlagenliste — und zwei Jahre später brennt der Anlauf, weil niemand geprüft hat, ob die neue Laserschweißzelle den Takt überhaupt hält. Die IATF 16949 verlangt die Bewertung multidisziplinär und ausdrücklich auch für geänderte Prozesse und Produkte, nicht nur für Neuteile — genau dort wird sie am häufigsten vergessen. Drei Fehler aus der Praxis: Erstens fehlt die Kapazitätsfrage; technisch machbar bei 50 Teilen pro Stunde ist ein anderes Ergebnis als bei 200. Zweitens bleibt die Bewertung eine Vertriebsakte statt einer Teamentscheidung aus Fertigung, Qualität, Logistik und Instandhaltung. Drittens landet das Ergebnis nicht in der Managementbewertung, obwohl die Norm genau das verlangt. Mein Rat: Hängen Sie die Bewertung an jeden Angebots- und jeden Änderungsprozess — sie ist das billigste Frühwarnsystem, das die Norm zu bieten hat.
Verwandte Begriffe
Häufige Fragen zu Herstellbarkeitsbewertung
Was unterscheidet die Herstellbarkeitsbewertung von der FMEA?
Beide sind Risikoinstrumente, aber auf verschiedenen Ebenen und zu verschiedenen Zeitpunkten. Die Herstellbarkeitsbewertung beantwortet die Grundsatzfrage vor der Verpflichtung: Können wir dieses Produkt mit diesem Prozess dauerhaft spezifikationskonform und in der geforderten Kapazität herstellen — mit unseren Einrichtungen, Werkzeugen, Software, Kompetenzen und Ressourcen? Sie ist Teil der Angebots- und Änderungsprüfung. Die FMEA dagegen zerlegt einen bereits grundsätzlich gewählten Prozess in seine potenziellen Fehler und bewertet deren Risiken — sie ist das Detailinstrument der Produktionsprozessentwicklung. Die Reihenfolge ist logisch: Erst die Machbarkeitsentscheidung, dann die Feinabsicherung per FMEA. In der Praxis ergänzen sie sich: Risiken aus der Herstellbarkeitsbewertung gehören als Eingabe in die FMEA, und schwere FMEA-Befunde können die Machbarkeitsaussage revidieren. Wer nur die FMEA pflegt, hat das Feinbild ohne die Grundsatzentscheidung.
Wo genau fordert die IATF 16949 die Herstellbarkeitsbewertung?
An zentraler Stelle: im Abschnitt zur Überprüfung der Anforderungen für Produkte und Dienstleistungen. Die Organisation muss multidisziplinär bewerten, ob ihr Herstellungsprozess dauerhaft spezifikationskonform in der geforderten Kapazität produzieren kann — und zwar für jede neue Fertigungs- oder Produkttechnologie sowie für jeden geänderten Fertigungsprozess und jede Produktänderung. Die Norm ergänzt, dass die Fähigkeit zusätzlich durch Produktionsläufe oder Benchmark-Untersuchungen bewertet werden sollte. Dazu kommen zwei Verzahnungen, die im Audit gern geprüft werden: Die Werks- und Anlagenplanung muss Methoden zur Herstellbarkeitsbewertung inklusive Kapazitätsplanung einsetzen, und die Ergebnisse der Bewertungen sind eine geforderte Eingabe für die Managementbewertung. Wer die Bewertung also nur im Vertrieb abhakt, verletzt gleich drei Anforderungen auf einmal. Dokumentierte Nachweise der Überprüfung sind ohnehin aufzubewahren (IATF 16949:2016, Abschnitt 8.2.3.1.3).
Wie setzen wir die Herstellbarkeitsbewertung praktisch um, damit sie mehr ist als ein Häkchen?
Vier Bausteine machen den Unterschied. Erstens das Instrument: ein standardisiertes Bewertungsformular, das die Kernfragen abdeckt — Technologie, Toleranzen gegen Prozessfähigkeit, Kapazität und Takt, Werkzeuge und Einrichtungen, Software, Personalqualifikation, Lieferantenreife. Zweitens die Besetzung: Unterschrieben wird von Fertigung, Qualität, Logistik, Instandhaltung und Einkauf — eine Einzelunterschrift des Vertriebs ist genau der Fehler, den die Multidisziplinarität verhindern soll. Drittens die Anlässe: Binden Sie die Bewertung an jedes Angebot mit neuer Technologie und an jeden Änderungsprozess — die Änderung ist der meistvergessene Auslöser. Viertens der Kreislauf: Offene Risiken bekommen Maßnahmen und Termine, und die Ergebnisse gehen als Eingabe in die Managementbewertung. Ergänzen Sie die Papierbewertung bei kritischen Themen durch einen belastbaren Produktionslauf. So wird aus der Normpflicht das, was sie sein soll: die früheste und billigste Anlauf-Absicherung.