Definition
Sonstige indirekte Treibhausgasemissionen entlang der vor- und nachgelagerten Wertschöpfungskette. 15 Kategorien nach Greenhouse Gas Protocol: vorgelagert (eingekaufte Güter und Dienstleistungen, Investitionsgüter, Pendelverkehr, Geschäftsreisen, etc.) und nachgelagert (Transport, Verarbeitung, Nutzung und Entsorgung verkaufter Produkte). Häufig 70–90 % der gesamten Emissionen und gleichzeitig schwierigste Datengrundlage. Pflichtbestandteil von CSRD/ESRS E1 und SBTi.
In der Praxis
Scope 3 ist der Punkt, an dem THG-Bilanzen ehrlich werden — oder scheitern. In den meisten produzierenden Betrieben liegt der größte Emissionsblock nicht im eigenen Werk, sondern in der vor- und nachgelagerten Kette: eingekaufte Materialien, Transporte, Nutzung und Entsorgung der verkauften Produkte. Die 15 Kategorien des GHG Protocol zu durchdenken ist Pflichtprogramm, der eigentliche Schmerz ist die Datenqualität: Für eingekaufte Güter gibt es selten Lieferanten-Primärdaten, also wird mit Spend-based-Faktoren über den Einkaufswert geschätzt — eine Größenordnung, keine Bilanz. Typische Fehler: Kategorien werden ohne Wesentlichkeitsprüfung weggelassen („Pendelverkehr lohnt nicht"), Doppelzählungen entstehen zwischen Kategorien (die beauftragte Spedition steckt im Einkaufspreis und wird zusätzlich bilanziert), und die Nutzungsphase eigener Produkte — bei Maschinen oft die größte Kategorie überhaupt — fehlt, weil sie unbequem ist. Der pragmatische Weg: Screening aller Kategorien mit groben Faktoren, dann die drei bis fünf größten mit besseren Daten vertiefen und bei Schlüssellieferanten Primärdaten anfragen — genau die Lieferketten-Frage, die Kunden im CSRD-Kontext zunehmend an ihre Zulieferer weiterreichen.
Verwandte Begriffe
Häufige Fragen zu Scope 3 Emissionen
Was gehört alles zu Scope 3 — und wo ist die Grenze zu Scope 1 und 2?
Scope 3 umfasst alle indirekten Emissionen der Wertschöpfungskette, die nicht schon in Scope 1 oder Scope 2 stehen — aufgeteilt in 15 Kategorien, von eingekauften Gütern und Dienstleistungen über Investitionsgüter, Transporte, Geschäftsreisen und Pendelverkehr bis zur Verarbeitung, Nutzung und Entsorgung der verkauften Produkte (GHG Protocol Corporate Value Chain Standard). Die Grenze ist die Kontroll- und Bezugslogik: Entsteht die Emission in Ihrer eigenen Anlage oder Ihrem Fuhrpark, ist sie Scope 1; steckt sie in eingekaufter Energie, Scope 2; in allem anderen, was Sie veranlassen, aber nicht selbst verursachen, Scope 3. Beispiel: Der Diesel Ihres eigenen Lkw ist Scope 1, der Diesel der beauftragten Spedition Scope 3. Wichtig ist die vollständige Betrachtung aller 15 Kategorien mit dokumentierter Wesentlichkeitsentscheidung — nicht relevant muss begründet werden, nicht behauptet.
Sind wir verpflichtet, Scope 3 zu bilanzieren — oder ist das freiwillig?
Das hängt vom Berichtskontext ab, aber die Richtung ist eindeutig: In der CSRD-Berichterstattung nach ESRS E1 ist Scope 3 Pflichtbestandteil, soweit wesentlich — und bei den meisten Unternehmen ist er wesentlich, weil er den größten Emissionsblock darstellt. Wer sich wissenschaftsbasierte Ziele (SBTi) setzt, muss Scope-3-Ziele formulieren, sobald diese Kategorie einen erheblichen Anteil der Gesamtemissionen ausmacht. Normativ verlangt ISO 14064-1, indirekte Emissionen anhand einer Wesentlichkeitsbewertung in die Bilanz einzubeziehen (Kapitel 5.2) — ein pauschales Weglassen ist damit auch auf Normebene nicht vorgesehen. Praktisch kommt der Druck zusätzlich über die Lieferkette: Große Kunden mit eigener Berichtspflicht fragen Ihre Daten als deren Scope 3 ab. Wer heute keine Scope-3-Basis hat, sollte mit einem Screening starten, bevor die erste Kundenanfrage mit Frist im Postfach liegt.
Wie starten wir mit Scope 3, wenn uns schlicht die Lieferantendaten fehlen?
Mit einem Screening statt mit Perfektion: Zuerst alle 15 Kategorien mit groben Sekundärfaktoren durchrechnen — bei eingekauften Gütern typischerweise Spend-based über die Einkaufswerte, bei Transporten über Tonnenkilometer, bei Reisen über Reisekosten oder Buchungsdaten. Das Ergebnis ist keine Bilanz, sondern eine Hitliste: Sie zeigt, welche drei bis fünf Kategorien zusammen den überwiegenden Teil ausmachen. Genau dort lohnt die Vertiefung — bei Schlüssellieferanten Primärdaten oder Product Carbon Footprints anfragen, Transportdaten vom Logistiker ziehen, die Nutzungsphase eigener Produkte mit realistischen Annahmen modellieren. Die Methodik und alle Annahmen gehören in die dokumentierte Information, damit die Bilanz im nächsten Jahr reproduzierbar ist und eine Verifizierung sie nachvollziehen kann. Wichtig ist der Fortschrittsgedanke: Jedes Jahr eine Kategorie von Schätzung auf echte Daten heben — das ist auch das, was Kunden und Verifizierer als glaubwürdige Entwicklung anerkennen.